Das Wurmloch hatte heute keinen ruhigen Atem. Kaum hatte ich das Radar sauber kalibriert, zeigte sich, dass unser eigenes System übersät war mit neuen, fremden Signaturen. Zu viele, um sie zu ignorieren. Also war der erste Auftrag klar und unumstößlich: scannen, aufklären, verstehen.
Ich begann methodisch. Eine Signatur nach der anderen, Verbindungen in benachbarte Löcher, einige davon stabil, andere bereits am Rande des Kollapses. Wie immer folgte ich meinem Grundsatz: überall hineinsehen, bevor jemand anderes es tut. Die ersten Stunden vergingen ruhig, beinahe routiniert. Ein paar Sprünge tief, ein paar Risiken kalkuliert. Alte Sansha-Datenbanken brachten mir mehrere Millionen ISK ein, dazu einige brauchbare Blood-Raider-Relikte. Kein Ruhm, kein Drama. Genau das, was man unter täglichem Geschäft versteht, wenn man in Wurmlöchern lebt.
Auf dem Rückweg fiel mir dann eine weitere Signatur auf. Unbekannt. Neu. Schon wieder.
„Ziemliche Fluktuation heute“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zum Schiff. Neugier ist gefährlich, aber Ignoranz ist tödlich. Also habe ich auch diese Signatur aufgeklärt.

Beim Anflug begannen meine Instrumente zu spinnen. Werte drifteten, Anzeigen verzögerten sich. Und dann erschien etwas auf dem Monitor, das dort eigentlich nicht hingehört: ein Name. In fremder, alter Schrift. Thera. Wurmlöcher haben keine Namen. Dieses schon.
Thera ist kein normales System. Es ist das Wurmloch. Zuflucht und Schlachtfeld zugleich. Ein Ort, über den man spricht, den man meidet – oder den man aufsucht, wenn man verstehen will, wie groß New Eden wirklich ist.
Ich sprang hinein. Nicht aus Vernunft. Aus Ehrfurcht.
Meine Systeme kalibrierten sich neu, während sich das Ausmaß dieses Ortes erst langsam offenbarte. Signaturen jenseits der 300 AU, Entfernungen, die jedes Gefühl für Maßstäbe pulverisieren. Mein erster Gedanke war simpel: Das Universum ist unendlich – Thera ist größer.
Ich setzte sofort die Sonden aus. Unzählige Signaturen. Und fast jede einzelne führte weiter, tiefer, in andere Wurmlöcher. Thera ist keine Sackgasse. Es ist eine Drehscheibe. Ein Verkehrsknoten der Leere. Und mitten darin: Stationen der Servant Sisters of EVE. Architektur, wie ich sie selten gesehen habe. Schön, funktional, respektvoll gegenüber dem Chaos, das sie umgibt. Für einen Moment blieb mir tatsächlich der Atem weg.

Weit entfernt lag ein Epizentrum. Verzerrter Raum, zerstörte Wurmlöcher, flackernde Sensoren. Und natürlich: Sleeper. Selbst hier. Selbst an diesem Ort.

Thera ist gefährlich. Aber auch atemberaubend. Planeten in Farben, die man sonst nur aus theoretischen Spektren kennt. Ressourcen, die New Eden fremd sind. Auch wenn planetare Ausbeutung hier verboten ist und keine neuen Stationen entstehen dürfen – dieses System fühlt sich seltsam vertraut an.
Unbequem. Wild. Ehrlich.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich hier sofort zu Hause gefühlt habe. Für jemanden wie mich sind es nicht die von CONCORD bewachten Systeme, die Sicherheit bedeuten. Es sind Orte wie dieser. Orte, die nichts versprechen – außer Wahrheit.