Gestern Abend.
Routine, die sich eingeschliffen hat wie ein Reflex.
Ich war im benachbarten Wurmloch unterwegs, neues Daily Business: frische Verbindungen scannen, Risiken bewerten, Relikt- und Datenseiten sichern – nicht für mich allein, sondern für die Allianz. Arbeit, die leise passiert und genau deshalb oft unterschätzt wird. Die Astero glitt vertraut durch den Raum, Scanner sauber, Cloak griffbereit.
Im Funk war ein Allianzmitglied bei mir. Lockerer Ton, beiläufige Gespräche, diese Art von Kommunikation, die nur entsteht, wenn man sich nicht erklären muss. Er folgte mir ins Wurmloch. Gemeinsam, aber nicht gebunden. Jeder mit seinem eigenen Fokus.
Dann tauchte sie auf dem Scan auf: eine Heron.
Klein. Zerbrechlich. Ein Expeditionsschiff ohne Zähne.
Ich registrierte sie – und blendete sie aus. Für mich kein Faktor.
Für ihn offenbar schon.
Blut geleckt. Ohne Zögern löste er sich aus dem Gespräch, wechselte den Tonfall, wurde präzise. Seine Loki verschwand im Cloak, während ich mich wieder den Relikten widmete. Sekunden später kam der Funkspruch, kurz und sachlich:
„Sie ist geplatzt.“
Ich hielt inne. Nicht aus Schock. Aus einem Anflug von… Bedauern.
Schade um den armen Scanner, dachte ich. Wahrscheinlich jemand wie ich. Nur unglücklicher. Oder zu neu. Oder zur falschen Zeit am falschen Ort.
Eine Viertelstunde später meldete der Scan wieder eine Heron.
Diesmal war klar: derselbe Pilot.
Mein Partner setzte erneut an. Gleiches Muster, gleiche Entschlossenheit. Doch diesmal war die Beute vorbereitet. Die Heron war schneller, wacher, nervöser. Ein Katz-und-Maus-Spiel begann, quer durch das System. Ich saß lachend im Cockpit und sagte:
„Lass den armen Kerl doch. Was will er uns? Mich von den Relikten abdrängen?“
Die Antwort kam ohne Humor.
„Und wenn er ein Scout ist?
Wenn wir nachher wieder wie neulich im eigenen Loch abgefangen werden?“
Da war sie wieder. Diese Linie, die sich durch meine letzten Tage zieht.
Routine gegen Paranoia. Gelassenheit gegen Erfahrung.
Er blieb dran. Die Heron warpte, sprang, verschwand. Kein zweiter Abschuss. Kein Abschluss. Nur offene Fragen.
Ich zog weiter ins nächste Wurmloch. Kaum hatte ich den Sprung abgeschlossen, hörte ich hinter mir das tiefe, endgültige Grollen. Raum verzerrte sich. Das Loch kollabierte. Funkstille.
Allein.
Kein Rückweg. Kein Drama. Nur eine nüchterne Feststellung.
„Nun gut“, dachte ich. „Daily Business eben.“
Ich arbeitete weiter. Aber anders. Aufmerksamer. Jeder Scan ein zweiter Blick, jede Signatur ein mögliches Ende. Es dauerte, doch New Eden war gnädig. Eine Verbindung ins High-Sec. Sicher. Stabil. Acht Sprünge später ein System, das mir fast schon vertraut vorkam. Und dort: ein Wurmloch. Direkt zurück in unser Heimatloch.
Manchmal fühlt sich Raum an, als würde er zuhören.
Ich dockte später an, der Cargo voll mit Daten und Relikten. Rund 60 Millionen ISK. Kein besonderer Ertrag. Aber eine Erfahrung mehr. Und die leise Gewissheit, dass selbst scheinbar harmlose Begegnungen Wellen schlagen können.
Ich habe geschlafen wie jemand, der heimgekommen ist.
Und wach geworden wie jemand, der weiß, dass es beim nächsten Mal anders laufen kann.
